In Johanna kommt die titelgebende Jungfrau nicht vor, zumindest nicht als Figur, in Hoppe imaginiert sich die Autorin selbst eine fantastische Autobiographie herbei. Weihnachten verlegt sie in Paradiese, Übersee nach Indien und in ihrem Roman über ihre Weltreise auf einem Containerschiff nimmt sie kurzerhand Antonio Pigafetta mit an Bord. Prawda hingegen, benannt nach der sowjetischen Zeitung, ist ein Roadtrip durch – wie könnte es anders sein – die USA. Es ist also nicht weiter erstaunlich, dass Felicitas Hoppe in ihrem neuen Roman Die Nibelungen. Ein deutscher Stummfilm nicht einfach nur den alten Sagenstoff in neuem Gewande präsentiert. Das deutsche Nationalepos wird vermischt mit einer Aufführung in der Nibelungenstadt Worms, im Hintergrund läuft dezent Fritz Langs Stummfilm von 1924 mit. Irgendwann gibt man auf, trennen zu wollen, was hier zur Sage gehört und was zur Inszenierung, wer Figur ist und wer Schauspieler, was Wahrheit und was Erzählung, immerhin lautet das Motto der Büchnerpreisträgerin Hoppe: „Es ist nichts erlogen, ich habe alles ehrlich erfunden.“ Der wahre Star des Hoppe’schen Erzähluniversums ist ohnehin ihre Sprache, die poetisch mit viel Witz neue Zusammenhänge herstellt und einen zwingt, eingefahrene Denkmuster aufzugeben. Mehr kann gute Literatur nicht leisten.
Felicitas Hoppe: Die Nibelungen. Ein deutscher Stummfilm. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2021
Tipp von Veronika Schuchter